Zwei Rohre im Urwald, aus denen Gas abgefackelt wird.
© Iván Martínez / Amnesty International
Bodenschätze | Lieferketten

Die Kette der Ausbeutung

Bei der Förderung und Verarbeitung von Rohstoffen müssten Menschenrechte und der Schutz der Natur auf der gesamten Wertschöpfungskette eingehalten werden. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Mit den 2011 beschlossenen Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte existiert ein globaler Rahmen, der Unternehmen verpflichtet, Menschenrechte zu achten und negative Folgen ihrer Tätigkeit zu verhindern. Und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Pflicht der Staaten bleibt es, diese Sorgfalt rechtlich zu verankern und Betroffenen von Menschenrechtsverletzungen den Zugang zu Beschwerdemechanismen zu gewährleisten.

Aber was ist nun diese «gesamte Wertschöpfungskette»? Grundsätzlich reicht sie von den Rohstoffen über die daraus entstehenden Zwischen- und Endprodukte bis hin zu deren Vertrieb, Recycling oder Entsorgung. Lieferketten gehen also über die reine Produktion hinaus: Sie umfassen auch den Transport der Güter sowie die Energie für alle Prozesse, die oft aus fossilen Brennstoffen stammt. Der Finanzsektor sorgt für das notwendige Geld. All diese Akteure müssten bei ihren Aktivitäten menschenrechtliche Sorgfaltspflichten beachten.

Risiken für Mensch und Umwelt

Gerade Lieferketten für metallische Rohstoffe, für Brennstoffe oder für Kunststoffprodukte aus der Erdölwirtschaft weisen grosse menschenrechtliche, umwelt- und klimabezogene Risiken auf. So etwa bei der Förderung von Bauxit als Rohstoff für Aluminium in Indien oder Guinea, bei der Förderung von Kobalt oder Kupfer in der Demokratischen Republik Kongo, bei Nickel auf den Philippinen. Belegt sind Zwangs- und Kinderarbeit, katastrophale Arbeitsbedingungen und Gesundheitsschäden, Zwangsvertreibungen, Umweltschäden und Verletzungen der Rechte indigener Völker.

Klassische Konfliktmineralien wie Gold, Tantal, Wolfram und Zinn finanzieren immer noch Kriege und Bürgerkriege. Das setzt sich auch bei der Aufarbeitung und Herstellung von Zwischenprodukten fort. Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz wie auch gewerkschaftliche Rechte sind eingeschränkt, giftige Abfälle gefährden die Umwelt.

Lieferketten sind komplex: Sie können eine hohe fünfstellige Anzahl Unternehmen verbinden.

Mathias John

Amnesty International hat mit dem Bericht «Extraction Extinction» von 2025 anhand von Beispielen aus mehreren Ländern Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden im Umgang mit fossilen Brennstoffen dokumentiert. Auf den ersten Ebenen der Lieferketten sind vor allem kritische Ökosysteme und die ansässigen Menschen betroffen. Ihnen werden die Lebensgrundlagen genommen und ihr Recht auf Gesundheit verletzt. Durch die ungerechte Verteilung der Profite wird die Armut verstärkt, Rechte von Indigenen werden ignoriert. Die weitere Verarbeitung in Raffinerien und in der petrochemischen Industrie ist mit neuen Umweltschäden, Einschränkung von Gewerkschaftsrechten oder gefährlichen Arbeitsbedingungen verbunden. Und am anderen Ende der Wertschöpfungsketten stehen die klimaschädliche Energieerzeugung und das Vermüllen der Ozeane mit Plastik.

Auch wenn mit den Uno-Leitprinzipien und darauf beruhenden Gesetzen erste Schritte getan wurden, Unternehmen zur Verantwortung für die durch sie verursachten Menschenrechtsverletzungen zu ziehen, bleibt es ein mühsamer Weg. Es braucht wirksame nationale Regelungen – wie es die Konzernverantwortungsinitiative für die Schweiz fordert.

Ziel muss ein globales Abkommen sein, das Menschen überall vor Übergriffen bei wirtschaftlichen Aktivitäten schützt und es ihnen ermöglicht, ihre Rechte wahrzunehmen und Entschädigungen zu erhalten.  


Mathias John ist Sprecher der Gruppe für Wirtschaft, Rüstung und Menschenrechte von Amnesty Deutschland.